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    BALMA
    Symphonie der Blüten

    Ein phytozönologisches Porträt

    Symphonie der Blüten

    1.116 Pflanzenarten zwischen Talboden und Gipfel. Von Gipslöchern und Orchideenwiesen – eine botanische Entdeckungsreise durch Lech Zürs am Arlberg.

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    Natur20 Min. Lesezeit
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    Pflanzenarten

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    der Tiroler Flora

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    Gipslöcher

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    Höhenmeter

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    Der Arlberg als biogeografische Drehscheibe

    Die Region Arlberg, situiert an der Schnittstelle der österreichischen Bundesländer Vorarlberg und Tirol, repräsentiert weit mehr als eine bloße geopolitische Grenze. Aus vegetationskundlicher und biogeografischer Perspektive fungiert dieses Hochgebirgsareal als eine ökologische Übergangszone von herausragender Bedeutung.

    Die topografische Heterogenität, die von den dynamischen Auen des Lechs (ca. 1.000 m ü. A.) bis zu den nivalen Gipfelregionen des Rüfikopfs und der Mohnenfluh (über 2.500 m ü. A.) reicht, generiert eine Dichte an Lebensräumen, die in den Nördlichen Kalkalpen ihresgleichen sucht.

    Nach dem Rückzug der pleistozänen Eismassen diente das unverbaut gebliebene Flusstal als primärer Migrationskorridor für dealpine und präalpine Pflanzenarten. Diese historische biozönotische Dynamik manifestiert sich heute in einer Artendichte, die signifikant über dem Durchschnitt vergleichbarer alpiner Talschaften liegt.

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    Geologie & Die Gipslöcher von Oberlech

    Lösungsdynamik und Dolinenbildung

    Eine geomorphologische Singularität von europäischem Rang stellen die Gipslöcher in Oberlech dar. Der Untergrund besteht hier aus Gips (Calciumsulfat, CaSO₄·2H₂O) und Anhydrit – Relikte des Tethys-Meeres aus der Triaszeit.

    Die Lösungsgeschwindigkeit von Gips ist enorm: Ein Kubikmeter Wasser vermag bei Sättigung etwa 1,6 bis 2,5 kg Gips zu lösen. Bei den üblichen hohen Jahresniederschlägen von ca. 2.000 mm bedeutet dies, dass theoretisch bis zu 3 kg Gestein pro Quadratmeter und Jahr abgetragen werden.

    Das Resultat ist eine pockennarbige Landschaft aus über 1.000 Erdfällen (Dolinen), deren Dimensionen beeindruckend sind: Die größten Trichter erreichen Durchmesser von 100 Metern und Tiefen von bis zu 35 Metern.

    Mikroklimatische Inversion

    In den tiefen, windgeschützten Dolinen sammelt sich kalte Luft, da diese eine höhere Dichte als warme Luft aufweist. Es entstehen Kaltluftseen – ein physikalischer Effekt, der zu einer Inversion der Vegetationsstufen führt.

    Am Dolinengrund herrscht ein kühles, feuchtes Klima mit lange andauernder Schneebedeckung. Hier finden wir Pflanzenarten der alpinen bis nivalen Stufe, die in eine eigentlich subalpine Zone "herabsteigen".

    An den Dolinenrändern gedeihen hingegen wärmeliebendere Arten. Dieses Mosaik ermöglicht das direkte Nebeneinander von Pflanzenarten, die normalerweise durch hunderte Höhenmeter getrennt wären.

    Interaktiv

    Mikroklimatische Inversion

    Kaltluft sammelt sich im Doline

    Wärmeliebende ArtenKaltluftsee35m TiefeWarme LuftKaltluftsee
    Sonnenstand50°

    Bewegen Sie den Regler, um den Einfluss des Sonnenstands zu sehen

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    Das Ökosystem Wildfluss: Der Lech

    Der Lech ist einer der letzten Flüsse der Nordalpen, der über weite Strecken noch einen wildflussartigen Charakter mit verzweigten Gerinnen aufweist. Diese Dynamik ist der Motor der Biodiversität.

    Ein Wildfluss transportiert enorme Mengen an Geschiebe. Jedes Hochwasser lagert Kiesbänke um, reißt bewachsene Inseln fort und schafft neue Rohböden. Diese ständige "Störung" verhindert, dass der Wald das Flussbett vollständig erobert.

    Myricaria germanica

    Deutsche Tamariske

    Die Leitart alpiner Wildflüsse. Ein bis zu 2 Meter hoher Strauch mit rutenförmigen, flexiblen Zweigen und bläulich-grünen Schuppenblättern.

    Typha minima

    Zwerg-Rohrkolben

    Einer der seltensten Pflanzen der Alpen. Nur 30-80 cm hoch mit extrem schmalen Blättern und einem charakteristischen zweigeteilten Blütenstand.

    Salix elaeagnos

    Lavendelweide

    Die "Architektin" der Aue. Ihre biegsamen Zweige legen sich bei Hochwasser flach und schützen den Wurzelballen vor Erosion.

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    Orchideenparadies Gipslöcher

    Kalkhaltige, nährstoffarme Böden sind das El Dorado für terrestrische Orchideen. Die Kombination aus Gipsuntergrund und der speziellen Hydrologie der Dolinen fördert diese Familie massiv.

    Cypripedium calceolus

    Streng geschützt

    Frauenschuh

    Die größte und auffälligste heimische Orchidee. Die Lippe ist zu einem leuchtend gelben, aufgeblasenen "Schuh" umgeformt.

    Eine "Kesselfallenblume". Insekten fallen in den glatten Kessel – der einzige Ausweg führt an Narbe und Staubblättern vorbei. Vom Samen bis zur ersten Blüte vergehen bis zu 15 Jahre.

    Gymnadenia nigra

    Streng geschützt

    Schwarzes Kohlröschen

    Kompakter, fast kugeliger Blütenstand von tief dunkelroter bis schwarzvioletter Farbe.

    Der intensive Vanilleduft ist an warmen Tagen weithin wahrnehmbar. Wächst in Magerwiesen und Weiderasen der alpinen Stufe.

    Gymnadenia miniata

    Streng geschützt

    Rotes Kohlröschen

    Deutlich seltener als das Schwarze Kohlröschen. Die Blüten sind leuchtend hellrot bis rubinrot.

    Wächst auf noch steinigeren, trockeneren Standorten. Verströmt ebenfalls einen Vanilleduft.

    Dactylorhiza majalis

    Streng geschützt

    Breitblättriges Knabenkraut

    Kräftige, hohle Stängel mit gefleckten Blättern und purpurrotem, dreilappigem Blütenstand.

    Bevorzugt die feuchteren Senken der Dolinen und Quellfluren.

    Gymnadenia conopsea

    Streng geschützt

    Mücken-Händelwurz

    Hoher, schlanker Wuchs mit rosa bis fliederfarbenen, zylindrischen Blütenständen.

    Der lange Sporn enthält Nektar, der für Schmetterlinge zugänglich ist.

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    Überlebenskünstler am Fels: Rüfikopf

    Interaktiv

    Überlebenskünstler am Fels: Rüfikopf

    Der Rüfikopf (2.350 m) bietet Einblicke in die hochalpine Vegetation. Hier sind die Bedingungen extrem: Hohe UV-Strahlung, starke Winde, kurze Vegetationszeit.

    Klicken Sie auf eine Strategie für Details

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    Vegetationsstufen

    Interaktiv

    Vegetationsstufen am Arlberg

    Hover über die Zonen für Details

    TalMontanSubalpinAlpinNival090180270360Arten
    1000m – Tal
    1400m – Montan
    1700m – Subalpin
    2000m – Alpin
    2400m – Nival

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    Giftige Schönheiten

    Viele der attraktivsten Pflanzen der Region sind hochgiftig. Dieses Wissen ist für Wanderer und Tierhalter essenziell.

    Aconitum napellus

    Achtung: Hochgiftig

    Blauer Eisenhut

    Giftigste Pflanze Europas. Wenige Gramm der Wurzel oder Blätter können für einen Erwachsenen tödlich sein.

    Bereits bei Hautkontakt Taubheitsgefühle. Bei Verschlucken: Brennen im Mund, Herzrhythmusstörungen, Atemlähmung.

    Veratrum album

    Achtung: Hochgiftig

    Weißer Germer

    Wird oft mit dem Gelben Enzian verwechselt. Enthält Steroidalkaloide (Protoveratrin).

    Schweres Erbrechen, Blutdruckabfall, Herzstillstand.

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    Naturschutz und Gefährdung

    Die botanische Vielfalt am Arlberg ist kein statischer Zustand, sondern bedroht und schutzbedürftig. In Vorarlberg regelt die Naturschutzverordnung den Umgang mit Pflanzen streng.

    Im Naturschutzgebiet Gipslöcher herrscht ein absolutes Wegegebot und ein generelles Pflückverbot für alle Pflanzen, um die empfindliche Vegetationsdecke zu schützen.

    Schutzbestimmungen

    • Vollkommener Schutz für Frauenschuh, Edelweiß, alle Enzian- und Orchideenarten
    • Absolutes Wegegebot im Naturschutzgebiet Gipslöcher
    • Generelles Pflückverbot für alle Pflanzen im Schutzgebiet
    • Trittschäden vermeiden – alpine Pflanzen erholen sich erst nach Jahrzehnten

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    Phänologischer Kalender: Was blüht wann?

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    Phänologischer Kalender: Was blüht wann?

    Klicken Sie auf einen Monat für Details

    Juli

    Hochsommer (Hauptblüte)

    AlpenrosenFrauenschuhKohlröschenArnikaEdelweiß
    Vorfrühling
    Hauptblüte
    Spätsommer

    Fazit

    Ein lebendiges Archiv der Erdgeschichte

    Die Flora von Lech und dem Arlberg ist ein faszinierendes Archiv der Erdgeschichte. Sie erzählt vom Tethys-Meer (Kalk/Gips), von den Eiszeiten (Silberwurz, Zwergstrauchheiden) und von der nacheiszeitlichen Wiederbesiedlung über die Brücke des Lechtals.

    Die Koexistenz von toxischen Abwehrstrategien, komplexen Bestäubungssymbiosen und extremen physiologischen Anpassungen an Kälte und Trockenheit macht jeden Quadratmeter dieses Gebiets zu einem Lehrbuch der Botanik.

    Der strenge Schutz dieser Lebensräume ist keine bürokratische Willkür, sondern die essentielle Voraussetzung, um dieses Erbe für zukünftige Generationen zu bewahren.